Was für ein miserabler Start in den Tag.

Gegen sechs Uhr morgens wache ich schweißgebadet auf, schlurfe mit Rückenschmerzen ins Bad, um einen Schluck Leitungswasser zu trinken und werfe dabei aus Versehen einen Blick in den Spiegel. Ich hätte es besser nicht getan.

Die Beerdigung am Vortag hat tiefe Spuren in meinem Gesicht hinterlassen.

Das bemerkt auch Nick, als er mich am späten Nachmittag wieder weckt.

  • Oh Mann, das sind aber ziemliche Augenringe.
  • Lass mich…
  • Geht’s dir soweit gut, Jo?
  • Das sind keine Augenringe, sondern Kriegsverletzungen von der gestrigen Familienzusammenkunft.
  • So schlimm?
  • Jupp. Allein das Aufeinandertreffen von Mama und Papa war wieder mal unsäglich. Das Thema Scheidung hängt seit Monaten wie ein Damoklesschwert über ihnen. Sei froh, dass du nicht dabei warst.
  • Klingt echt nach ner Menge Spaß. Kaffee?
  • Ne, lass mal.
  • Dann mach ich dir nen Smoothie.
  • Nick, bitte…
  • Wann müssen wir denn los? Kurz nach sieben?
  • Können wir nicht einfach daheim bleiben und „Modern Family“ weiterschauen?

Ich werfe wieder mich aufs Sofa und vergrabe meinen Kopf im Kissen.

  • Komm schon, Johannes. Du brauchst Ablenkung, das wird dir heut Abend gut tun. Ich mach uns mal ne Kleinigkeit zu essen.

Immer, wenn er mich aufmuntern will, nennt er mich Johannes anstatt Jo. Vielleicht sollte ich ihm mal sagen, dass das bei mir genau das Gegenteil bewirkt. Immerhin hatte ich ihm das mir verhasste Johnny schnell abgewöhnt. Man soll die Vergangenheit ruhen lassen.

Ich hatte mich so auf den Theaterabend gefreut, aber die Beerdigung steckt mir noch tief in den Knochen. Das ist so eine Sache, an die man sich nie gewöhnen wird. In meinen vierunddreißig Jahren habe ich schon einige Beisetzungen erlebt, aber gestern war anders. Ich hätte mich so gern angemessen verabschiedet, doch die angespannte Stimmung zwischen meinen Eltern hat viel Aufmerksamkeit gezogen. Wann lerne ich es endlich, sie ihr Leben leben zu lassen?
Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß, Jo! Ja, leichter gesagt als getan.

Draußen hat es sich über Nacht richtig schön eingeregnet. Allein die Vorstellung, in wenigen Stunden meinen Arsch von der gemütlichen Couch zu bewegen, bereitet mir Unbehagen.

  • Die Karten hast du bezahlt. Wenn du nicht willst, müssen wir nicht., ruft Nick von der Küche ins Wohnzimmer.
  • Aber sie jetzt verfallen lassen wäre auch blöd, oder?
  • Deine Entscheidung, Jo!

Er steht in der Küche und bereitet ein frühes, schnelles Abendessen vor: Reis mit frisch gebratenem Gemüse. Er macht sich immer so viel Mühe, selbst wenn es nur eine Kleinigkeit ist, seiner Meinung nach. Langsam quäl ich mich aus der Horizontalen hoch in die Vertikale — aua, mein Bein ist eingeschlafen! — und humple Richtung Küche.

  • Wir könnten ja Larissa fragen, ob sie nicht gehen will…

Ich lasse meinen schmerzenden Kopf am Türrahmen ruhen.

Wie er da steht, mit seiner „Who’s your Daddy“-Schürze , eine Zwiebel akribisch in kleine Stücke schneidend. Trotz meiner Nullbockigkeit muss ich grinsen. Er ist in allen Sachen so liebevoll. Auch wenn er gerade so tut, als hätte er gerade alle Zeit der Welt, müssten wir in dreißig Minuten das Haus verlassen, wenn wir nicht zu spät kommen wollen. Ich weiß, dass er sich so auf den Abend freut.

  • Larissa ist doch seit ner Woche in London!, nuschelt er mit einem Stück Karotte zwischen den Zähnen.
  • Wie lang dauert das Essen noch?
  • Zehn Minuten. So wie Du schlingst, wären wir in fünfzehn Minuten startklar.

Nick grinst. So wie ich schlinge — immer diese Anspielungen auf mein — zugegebenermaßen — ungesundes Essverhalten. Ich hab keine Ahnung, warum ich mich über jede Mahlzeit hermache, als gäbe es kein Morgen. Aber es stimmt: wie ein Scheunendrescher werfe ich alles, was mir in die Finger kommt, in den Rachen, kaue höchstens zwei-, dreimal… und dann wird geschluckt.

Irgendwann hat sich dieses Verhalten in mein Leben geschlichen. In den letzten Jahren wurde es immer schlimmer. Spätestens seit ich diesen Job als Redakteur bei einem kleinen Kulturblatt angefangen habe und Tag und Nacht vor dem iMac und die restliche Zeit dazwischen am iPhone hänge, ist die Nahrungsaufnahme etwas sehr Nebensächliches, ja fast schon nerviges geworden.

Frühstücken? Fehlanzeige. Mittagessen. Kommt drauf an, wann ich Zeit (und Appetit) habe. Abendessen? Wenn Nick seinen Spätdienst in der Notaufnahme leistet, verneige ich mich vor den Kochkünsten des Lieferdienstes! Am Desktop schnell ein zweites Browserfenster geöffnet, eben die Mails gecheckt, dann zack zack die Bestellung aufgegeben.

  • So, Essen ist fertig.

Nick reißt mich aus meinen Gedanken.
Liebevoll präsentiert er auf Reisnester arrangierte Gemüsebouquets an selbst gemachter Currysauce, die er an mir vorbei ins Wohnzimmer trägt. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Im Gegensatz zur Fast Food Pizza-Orgie von Dienstag dinieren wir heute nicht am Couchtisch, sondern am Esstisch. Nobel, denke ich. So, als würde Nick den Abend ganz besonders einleiten wollen. Für jeden steht schon ein kühles Glas Weisswein bereit.

  • Zum Wohl, auf einen schönen Abend.

Er prostet mir zu. Alea acta est. Die Würfel sind gefallen. Theatralisch stöhne ich auf:

  • Ok, dann also auf nach Frankenstein Place.

Nick lacht und wuschelt mir durch meine braunen Locken.

  • There’s a light in the Darkness of everybody’s life., singt er und trifft dabei auch den einen oder anderen Ton.

Als wir vor dem frisch renovierten Deutschen Theater stehen, sind wir bis auf die Knochen durchnässt. Bravo, wie Brad und Janet nach ihrer Reifenpanne.

Bei meinem Glück wimmelt es da drin schon vor Freaks in billigen Fummeln, schlecht sitzenden Perücken und…. Ach Du Scheisse!

Als hätte ein perfider Racheengel meine Befürchtungen erraten, ziehen just in diesem Moment drei aufgetakelte Landpomeranzen in ausgelatschten High Heels, viel zu engen Dienstmädchen-Outfits und Netzstrümpfen an uns vorbei. Im Schlepptau haben sie — natürlich, wie sollte es auch anders sein — ihren offensichtlich besten schwulen Freund, der sich die „Gaudi“ nicht entgehen lassen wollte. Also hat er sich zuhause in ein enges Mieder schnüren lassen und die schreiend pinke Perücke aus dem letztjährigen Fasching ausgegraben.

Dass sie nicht nur eine Flasche Prosecco während der Zugfahrt geleert haben, ist schwer zu überhören. „Lääääätz duuu sä Teeiiim Wooop agäääään!“, gröhlen die vier Grazien — zwölfstimmig. Ich sehne einen Exorzisten herbei.

Das habe ich heute beim besten Willen nicht verdient!

  • I hob im Internet no die Listn gfunden, wann ma den Reis schmeissn soll!, brüllt Dienstmädchen Nummer Eins quer über die Münchner Schwanthalerstraße ihrer Sippe zu.

Dunkle Gewitterwolken einer üblen Vorahnung ziehen in meinen Gedanken auf.
Ein Blick auf ihre prall gefüllten Rucksäcke verrät einen kurz vor ihrer Abfahrt getätigten Überfall auf etliche Drogeriemärkte des Landkreises, um sämtliche Restbestände an Toilettenpapier einzusacken!

Ich zerre Nick ins Foyer.

  • Willkommen im Deutschen Theater. Ihre Tickets, bitte., begrüßt uns ein routinierter Kontrolleur.

Mein Gott, der Arme. Abend für Abend begrüßt er mit einem ins Gesicht gemeißelten Grinsen die Scharen an Pseudo-Fans mit ihrer rücksichtslosen „Wir wollen Spaß — koste es, was es wolle“-Attitüde.

Im Gegensatz zu mir darf er keine Miene verziehen. Immer Höflich bleiben, Servicekraft. Ich reiche ihm mein iPhone mit den eTickets. Er scannt und wünscht uns einen „aufregenden Abend“. Danke — ebenso. Aufregen werde ich mich mit Sicherheit.

Das Foyer ist schon gut gefüllt. Neben dem Münchner Durchschnittspublikum und jenen „Fans der ersten Stunde“, die zum Zeitpunkt der Uraufführung der heutigen Show in den 70ern schon gut das dreißigste Lebensjahr überschritten hatten, tummeln sich hier einige Billigversionen von Frank N. Furter, Riff Raff und Janet. Ich fühle mich in meiner Jeans und Sakko dem Rest überlegen. Jo, was um alles in der Welt tust du hier?!

Auch wenn ich selbst jedweder Rocky Horror-Verkleidung abgeschworen habe und den alljährlich stattfindenden Christopher Street Day meide, so bin ich doch in einer äußerst privilegierten Situation: ein fester Job, eine schnuckelige 60 qm-Wohnung in der bayerischen Hauptstadt, ein eigenes Auto — und seit nun knapp drei Jahren in einer eingetragenen Partnerschaft lebend mit meinem Traummann.

  • Wieso läuft hier eigentlich der Film-Soundtrack?, frage ich meinen Begleiter irritiert.
  • Keine Ahnung? Vielleicht gibt’s von der Tour noch kein Album? Das müsstest du doch besser wissen, mein kleiner Frank-N-Jojo., antwortet Nick lachend.

Just in diesem Moment wanken die vier Reiter der Spaß-Apokalpyse ums Eck, und ich flüchte, Nick vor mir herschiebend, zur Bar.

  • Zwei Bier, bitte sehr. Neun Euro vierzig.

Ein Schnäppchen. Schnäpschen wäre mir grad lieber.

  • Sag, sollen wir lieber wieder heimgehen?, fragt Nick.
  • So wie du schaust, hat dein Spaß längst ein Loch.

Ich antworte nicht, nippe stattdessen an meinem Bier.

Ein Blick auf mein Smartphone verrät mir: hier gibt es keinen Empfang. Na bravo. Wir befinden uns im Stadtzentrum — und mein Handy ist lahmgelegt. Dämlicher Stahlbetonbau. Kein Tweet, kein Facebook-Post, nicht einmal ein kleines Selfie von einem einstudierten Lächeln und dem dazu gehörigem Hashtag RockyRocks lässt sich auf Instagram hochladen.

  • Weiß nicht, mich regen die Leute hier tierisch auf. Keine Ahnung, warum.
  • Die wollen doch einfach nur Spaß haben, Johannes. Abschalten. Tät dir auch mal wieder ganz gut, by the way. Kommst Du überhaupt mal zur Ruhe?
  • Für uns vier Prosecco!

Wohlbekannte Stimmen von links.

  • I bin ja amoi gspannt, ob heut der Rob Faller spielt, der ist scho echt sexy!
  • Ja, den hamma 2009 scho ghabt, oder?
  • Is des der Blonde?
  • Naa, der Braune!
  • Blond sans doch eh alle, des is a Perückn!
  • Aber der im Film hod doch schwarze Haar, oder?
  • Ja, des ist doch der Tim Curry!
  • Ah so! Und der Faller?
  • Des ist ned der Tim Curry, des ist der von heut.

Fachgesimpel auf höchstem Niveau. Hätte ich einen Hut, ich würde ihn ziehen. Beinahe rutscht mir „Der heisst übrigens Rob Fowler, nicht Faller’“ heraus, aber dann würde ich mich selbst als Rocky Horror-Kenner outen, und Herrgott: alles, bloß das nicht!

Reihe 7, Platz 5 und 6. Am Rand, aber nahe an der Bühne.

  • Wenn du keine Lust mehr hast, kannst ja flüchten!, murmelt Nick.

Der mittlerweile passiv-aggressive Unterton ist nicht mehr zu überhören.

Brems dich ein, Jo! Verdirb nicht ihm auch noch den Abend!

Unsere neuen Freunde sitzen zwei Reihen hinter uns. Obwohl der Saal ausverkauft ist und sich die dröhnende Musik aus dem Foyer mit der Lärmkulisse des Auditoriums zu einer Kakophonie vermischt, verstehe ich jedes einzelne Wort aus Reihe 9.

  • Scheisse, mei Wasserpistoln is leer!

Seiner Stimmlage nach zu urteilen hat man ihm eben mitgeteilt, dass er als einziger Homosexueller des Landkreises vom diesjährigen Christopher Street Day ausgeschlossen wird.

  • Du, i hob no a Flaschn Sprudel dabei! Wart Xaver, i füll dir was ein!

Womit um alles in der Welt hab ich das verdient? Ich spüre schon förmlich lauwarmes, abgestandenes, mit Speichel durchsetztes Wassergepritschel auf meine gerade trocknenden Haare herabregnen. Als würde mir das Schicksal sehr aufmerksam zuhören und sich einen Spaß erlauben, mir all meine Nicht-Wünsche ausgerechnet heute in Erfüllung gehen zu lassen, prallt just in diesem Moment etwas hart gegen meinen Hinterkopf.

  • Oh, tschuldigung! Des wollt i ned!

Reihe 9 meldet sich zu Wort. Langsam drehe ich mich um und sehe dabei eine kleine Wasserpistole auf dem Boden liegen.

  • Sorry, de is mir aus Versehen auskommen. I wollt as Klopapier schmeißn., entschuldigt sich die pinke Perücke. Das also ist Xaver.

Als er mich wahrnimmt, verändert sich sein Gesicht und er schickt breit grinsend ein „Oh hallo, Servus“ hinterher. Danke für diesen unangebrachten Flirt. Nicht.

Wortlos hebe ich die Wasserpistole auf und werfe sie mit genügend Druck zurück.

  • Manche Menschen sind so lustig wie eine Feiertagsmatinee im Krematorium., murmle ich entnervt.

Nick unterdrückt ein Prusten. Er mag meinen „besonderen Humor“, wie er es nennt.

  • Apropos Krematorium. Wenn die hier so weitermachen, dann fackeln sie das Theater noch vor dem ersten Song ab., sagt er.

Die Vorstellung hat noch gar nicht angefangen, und die Luft ist schon geschwängert von fliegendem Reis, Konfetti und Klopapier-Schwaden. Inmitten dieser Verschwendungsorgie blitzen vereinzelt brennende Wunderkerzen und Einwegfeuerzeuge über den Köpfen der Spaßgesellschaft auf. Sind Brennmittel laut Aushang im Foyer nicht untersagt? Mir kannˋs egal sein. Bauen wir halt ein neues Theater, wenn dieses in dreißig Minuten während There’s a Light niederbrennt.

Wann habe ich eigentlich das letzte Mal während einer Show laut grölend mit Klopapier um mich geworfen, um Rockys Geburt zu bezeugen? Ich erinnere mich nicht mehr.

Halt, doch!

An meinem dreißigsten Geburtstag im Kino Museum Lichtspiele. Wir waren fünfzehn Leute, darunter auch Charlie, die ihren Heimatbesuch extra für diesen Abend unterbrochen hatte, um mich ins neue Lebensjahrzehnt zu verabschieden. Auch wenn nur unregelmäßig Kontakt haben, so waren wir seit knapp 18 Jahren eng verbunden. Sie hat es doch tatsächlich geschafft, sich in Kanada ihren Lebenstraum zu erfüllen. Was sie jetzt wohl gerade macht?

Ich werfe einen Blick auf die Bühne. Dort ist eine riesige Leinwand aufgebaut, auf der alte Stummfilme sowie nostalgische Werbeclips laufen.

Flupp. Ein halb aufgerissener Reisbeutel macht eine Bruchlandung auf meinem Kopf und entlädt sich sanft rieselnd in meinen Hemdkragen. Ich gebe auf. Herr, lass bitte diesen Abend an mir vorübergehen.
Cards for sorrow, cards for pain

Dem sonst ach so distinguierten Theaterpublikum geht es längst nicht mehr um die Musik oder die Aussage des Stückes. Dieser Abend dient nicht dem gemeinsamen Zelebrieren der sexuellen Freiheit und der Akzeptanz des Individuums, sondern rein der schrillen Selbstinszenierung seines Publikums.

Dienstmädchen Eins bis Drei und Xaver ist es doch vollkommen egal, ob vor sechsundvierzig Jahren in den USA für die Rechte von Homosexuellen auf die Straße gegangen wurde. Hauptsache, sie können heute ihren Fummelfasching feiern und mal so richtig die Sau rauslassen. Denn morgen werden sie wieder in ihren unbequemen Bürosesseln hocken und spießigen Familienvätern einen Kredit für den neuen SUV aufschwatzen.

  • Hast du den da drüben gesehen?, flüstert Nick.

Er deutet verstohlen auf einen pickeligen Teenager, vielleicht dreizehn oder vierzehn, der gerade das Auditorium betritt.

Er ist in Begleitung von zwei Erwachsenen, beiden in Abendgarderobe. Stilsicher und geschmackvoll wirken sie hier gerade etwas verloren. Ihr Schützling trägt eine hautenge Korsage, einen Lederslip, der eine Beule erahnen lässt, die selbst mir als versierter Pornokonsument die Schamesröte ins Gesicht treibt, Netzstrümpfe und definitiv zu viel Make Up für einen so jungen Knaben. Er ist mit Abstand der Jüngste unter all den verkleideten Freaks, die hier lauthals ihre fünf Minuten Pseudo-Ruhm einfordern. Diverse Smartphones und Fotoapparate richten sich auf ihn und er wird schamlos geblitzt.

Seinem frechen Grinsen nach zu urteilen scheint er es zu genießen. Klar, Generation Instagram. Wahrscheinlich wird er gerade online von seinen Bros für diese Aufmachung gefeiert und die Likes schießen in unermessliche Höhen.

Seine Begleiter finden die Sache allerdings nicht so lustig und deuten ihm energisch an, er solle Platz nehmen. Kaum sitzt er, nimmt der Vater, davon gehe ich jedenfalls aus, sein Jackett ab und legt es seinem Schützling über die Schultern.

Ein kurzes Zucken geht durch meinen Körper. Ich hefte meinen Blick an diese Dreierkonstellation. Für einen Moment vergesse ich Xaver und die bajuwarische Horrorshow aus Reihe 9. Etwas in mir erwacht. Eine Flut an Erinnerungen spülen Gefühle, die ich fühlen möchte, in mir hoch. Nicht jetzt!

Flow morphia slow, let the sun and light come streaming into my life

Eine weitere Zeile aus der Show drängt sich in mein Bewusstsein:

Rose tints my world, keeps me safe from my troubles and pain.

Rosa ist die Welt, hält mich fern von meinen Sorgen und Schmerz.

Im Saal wird es dunkel. Düstere sphärische Klavierklänge setzen ein, eine melancholische Melodie. Ungewohnt und unheilvoll, gleichzeitig zart und unschuldig.

Am rechten Bühnenrand erscheint eine wunderschöne, bleich geschminkte Gestalt in einem pinken Kostüm, das mich an die Uniform des Einlasspersonals erinnert. Ein Lichtkegel konzentriert sich auf sie, und das Theater um mich herum verschwindet.

Auf der Leinwand prangt in blutroten Lettern „The Rocky Horror Show“.

Dann öffnet die Gestalt ihren Mund und singt die Worte:

  • Michael Renee was ill, the Day the Earth stood still, but he told us, where we stand.

Gänsehaut. Im Dunkel taste ich nach Nicks Hand.

Ich schließe für einen Moment die Augen. Da spüre ich eine einzelne dicke Träne über meine Wange kullern.

Die Musik reißt mich aus dem Hier und Jetzt und trägt mich an einen fernen, weit zurück liegenden Ort.

Es ist der 14. März 2015.

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mein leben ist das mit dem [subtext] • www.kyndzkopf.de

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